Der Salzburger Lese- Rechtschreibtest (SLRT)
von Mag. Karin Landerl, Universität Salzburg

Bereits seit mehreren Jahren gibt es am Institut für Psychologie der Universität Salzburg einen Forschungsschwerpunkt zum Thema Lesen- und Schreibenlernen und Legasthenie.

Im Rahmen dieses wissenschaftlichen Projektes waren wir auch mehrere Jahre mit der Erstellung eines neuen Verfahrens zur objektiven und vor allem differenzierten Diagnose von Schwächen beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens befaßt, welches auf aktuellen kognitions- und neuropsychologischen Befunden basiert. Schwerpunkt dieses Testsystems ist die separate Erfassung von Schwächen beim Erlernen der verschiedenen Teilfertigkeiten des Lesens und Schreibens. Die Erfassung von Schwächen des lautierenden "synthetischen" Lesens und des lautorientierten Schreibens steht für die jüngeren Kinder im Vordergrund. Für die älteren Kinder zielen die Testanforderungen vor allem auf die Erfassung von Defiziten bei der schnellen, automatisierten (der sogenannten "direkten") Worterkennung und der orthographisch korrekten Rechtschreibung ab. Der SLRT ist ein Einzeltest und entspricht damit den Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Diagnose der Lese-/Rechtschreibstörung, welche eine individuelle Untersuchung des Kindes mit einem standardisierten Testverfahren vorgeben.

Der Lesetest besteht aus mehreren Subtests, welche die Teilkomponenten des Lesens unabhängig voneinander erheben. Jeder Subtest besteht aus einem Leseblatt mit spezifisch ausgewähltem Lesematerial, das vom Kind so genau und so schnell wie möglich vorgelesen werden soll. Der Schwerpunkt des Verfahrens liegt auf der Diagnose von Schwierigkeiten bei der Wort- erkennung, welche sich als das zentrale Symptom der Legasthenie erwiesen haben. Zwei Subtests mit Pseudowörtern, das sind erfundene, aber aussprechbare Buchstabenabfolgen wie
ta/ire oder Bame, erfassen Defizite beim lautierenden, synthetischen Lesen. Der diagnostisch besonders aufschlußreiche Aspekt beim Lesen von Pseudowörtem ist, das sichergestellt ist, daß die Aussprache tatsächlich zusammengelautet, also neu generiert werden muß und nicht eine bekannte, bereits gespeicherte Wortaussprache einfach abgerufen werden kann. Diese beiden Subtests zeigen also, wie das Kind mit unbekanntem Lesematerial umgeht. Für die Erfassung von Defiziten bei der direkten, automatischen Worterkennung wurden Wörter ausgewählt, die sehr häufig in Texten für Kinder vorkommen, sodaß eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht daß sie bereits sehr früh im Gedächtnis abgespeichert werden.

Der Subtest "Häufige Wörter" enthält etwa die Items
Opa, Name, Haus usw. Diese Wörter müssen von kompetenten Lesern nicht mehr zusammengelautet werden, sondern es wird der entsprechende Gedächtniseintrag aktiviert und das Wort kann unmittelbar wiedererkannt, eben "direkt" gelesen werden. Leseschwache Kinder lesen diese Wörter zwar meist auch mehr oder weniger fehlerlos, aber wesentlich langsamer, weil sie sie nicht direkt, sondern über den Umweg des lautierenden Lesens erlesen. Wichtig ist hier, daß ein Erraten eines Wortes aus dem Sinnzusammenhang nicht möglich ist, weil nicht ganze Sätze sondern eine Abfolge von unzusammenhängenden Wörtern vorgelesen werden muß. Für Kinder der 3. und 4. Schulstufe wurde noch ein zweiter Subtest zur Diagnose von Defiziten bei der direkten Worterkennung erstellt, der aus zusammengesetzten Wörtern (z. B. Filzstift, Geburtstagskuchen, Obststand) besteht. Diese Wörter können dann schnell und flüssig gelesen werden, wenn die Einzelwörter, aus denen das zusammengesetzte Wort besteht, direkt erkannt werden können. Ist dies nicht der Fall, dann ergibt sich ein enorm verlangsamtes Lesetempo, weil ein lautierendes Erlesen dieser langen und komplexen Buchstabenabfolgen ausgesprochen mühevoll ist. Letztlich wurden auch zwei Subtests zum Textlesen mit unterschiedlichem Schwierigkeitsniveau in den SLRT aufgenommen.
Die Erfassung der Rechtschreibleistungen ist insgesamt weniger differenziert, erlaubt jedoch die getrennte Beurteilung von Schwächen beim lautorientierten Schreiben und Schwächen beim orthographisch korrekten Schreiben und zwar mittels einer differenzierten Fehleranalyse von Wortschreibungen, die dem Kind diktiert werden. Die Auswertung danach, ob die Schreibung eines Wortes der Lautabfolge des gesprochenen Wortes entspricht (unabhängig davon, ob die Schreibung    orthographisch korrekt ist oder nicht), ermöglicht eine Beurteilung des lautorientierten Schreibens. Die Wörter des Rechtschreibtests wurden darüber hinaus so ausgewählt, daß eine lautorientierte Schreibstrategie mit geringer Wahrscheinlichkeit zu einer orthographisch korrekten Schreibung führt. Hat ein Kind eine bestimmte Wortschreibung noch nicht im Gedächtnis abgespeichert, so wird es für die diktierten Wörter Schreibungen produzieren, die orthographische Fehler enthalten, also nicht den Konventionen der deutschen Orthographie entsprechen (z.B.
ferschbrechen für versprechen).
Der SLRT wurde mit der Zielsetzung entwickelt, Schwächen beim Lesen und Rechtschreiben zu erfassen, daher wurden die Aufgabenanforderungen so angelegt, daß vor allem Unterschiede im unteren Leistungsbereich zuverlässig diagnostiziert werden können. Sowohl für den Lese- als auch den Rechtschreibtest liegen zwei Parallelformen vor. Das Verfahren konnte in Zusammenarbeit mit den Schulpsychologinnen des Landes Salzburg an insgesamt über 3000 Kindern normiert werden. Es liegen Normen vor für Ende der 1. Schulstufe, Mitte und Ende der 2. Schulstufe, sowie für die 3. und 4. Schulstufe.
Der SLRT wird im Bundesland Salzburg in einer Vorversion bereits seit einigen Jahren von Legastheniebetreuerinnen und Schulpsychologinnen zur Auswahl der Kinder, die schulische Legasthenieförderung erhalten, eingesetzt. Die Erfahrungen sind ausgesprochen positiv. Der Test ist einfach und schnell durchzuführen und auszuwerten und gibt ein differenziertes Bild über den Entwicklungsstand eines lese-    rechtschreibschwachen Kindes, welches auch sehr gut für die Erstellung eines geeigneten Förderkonzepts herangezogen werden kann. Entsprechende Hinweise finden sich im Testhandbuch. Der Salzburger Lese- und Rechtschreibtest (Lander, Wimmer & Moser, 1997) ist beim Verlag Hans Huber in Bern erschienen.

Literatur:

Landerl, K., Wimmer, H., & Moser, E. (1997). Salzburger Lese- und Rechtschreibtest. Verfahren zur Differentialdiagnose von Störungen des Lesens und Schreibens für die 1. bis 4. Schulstufe. Bern: Huber.

Adresse der Autorin:

Univ.Ass.Mag.Dr. Karin Landerl (Klinische und Gesundheitspsychologin), Institut für Psychologie, Universität Salzburg, Hellbrunnerstr. 34, A-5020 Salzburg.

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