Die ganze Story ... Hier klicken

Knopf im Kopf
Hilfe meine Kinder haben         Legasthenie

Kapitel  III
Wer hat mien Fschngskrpfn gsn ?

Der rotgrüne Kasperl greift ein

Jetzt kam auch die böse Hexe Ene-Bene-Mene immer häufiger. Sie ist eine hinterhältige Person aus dem Sprachbastelbuch, die alle E's stiehlt, um sich daraus ein E-Werk zu bauen. Das hat verheerende Folgen. Braut und Bräutigam wollen heiraten: aber - rich und -mma könn km -h- schlißn, da wint und hult di Braut  Später als sie bedrängt wird, stiehlt die Hexe auch noch alle A's und die Zustände werden chaotisch. Und chaotisch waren Tinas Arbeiten. Es kamen Worte darin vor, die fast nicht mehr verst;;ndlich waren. ,,Wer hat mien Fschngskrpfn gsn - Wer hat meinen Faschinskrapfen gegessen ? hieß die Überschrift zu einer Ansage. Mühelos kann man nachzählen, daß die Fehler darin schon für ein ungenügend reichten, gar nicht zu reden vom Text der folgte.
Es mußte einfach etwas geschehen. Wild entschlossen ging ich zur Direktorin der Schule und beantragte freiwillig jenen Test der Schulpsychologin, der mit den Kindern gemacht wird, die in eine Sonderschule überstellt werden sollen.
Wir mußten einige Wochen warten, dann rief mich die Psychologin in die Schule. Wie klopfte mein Herz als ich zu ihr ins Zimmer trat. Strahlend kam sie mir entgegen und schüttelte mir die Hand. Sie gratulierte mir zu meinem außergewöhnlich intelligenten Kind, Es bestünde kein Zweifel, daß Tina das Gymnasium mit ausgezeichnetem Erfolg schaffen würde. Ich mußte mich zuerst niedersetzen. ,,Und die Legasthenie?" stammelte ich. ,,Ach", meinte sie mit einer Handbewegung ,,die wird Tina schon bewältigen".
So hörte ich zum erstenmal, daß es schon ausgearbeitete Methoden gäbe, die Legasthenie zu behandeln, daß es Lehrbücher und Arbeitshefte gäbe, die Schwächen der Rechtschreibung systematisch zu bekämpfen. Sie erzählte mir, daß es Kurse gäbe, in denen die Kinder in kleinen Gruppen unterrichtet würden. Da Tina schon leichte neurotische Schäden hätte, empfahl sie mir eine junge Lehrerin, die damals noch nebenbei Psychologie studierte und sich auf legasthenische Kinder spezialisiert hatte.
Als ich Tina erzählte, daß sie nun zweimal in derWoche Deutschnachhilfe bekommen würde, war sie wenig begeistert. Dann kam Fräulein Oppitz das erstemal zu uns. Klein und zierlich, mit strahlenden blauen Augen und langen blonden Haaren wie ein Rauschgoldengel. Das war eine Nachhilfelehrerin? Unterm Arm trug sie den rot-grünen Kasperl, eine lustige Stoffpuppe, die bald der beste Freund meiner Kinder werden sollte.
Jetzt wurde Schritt für Schritt begonnen. Einmal wurde das Heft in einem dicken roten Strich in zwei Teile geteilt. Auf die eine Seite mußte Tina alle Worte mit d auf die andere alle Worte mit t schreiben, das gleiche mit b und p, g und k. Langsam, langsam begann sie den Unterschied zu hören. Dann kam der rotgrüne Kasperl und schrieb eine paar Worte unrichtig oder auf die falsche Seite und es war für Tina immer ein großer Spaß die Fehler zu finden. Ein anderes Mal warf er die Buchstaben durcheinander, Tina mußte sie ordnen. Oder er hatte Buchstaben aus den Worten gestohlen, da stand dann: R . . . . f . . gk . h . . r. Nach und nach setzte Fräulein Oppitz sie dann wieder ein. Je früher Tina das Wort erriet, um so größer war die süße Belohnung, die Frl. Oppitz aus ihrer unergründlichen Umhängetasche zog. Auf einemal war das Wort Rauchfangkehrer kein unüberwindliches Hindernis mehr. Es gab Texte, in denen viele E´s und I's fehlten und Tina mußte durch aufmerksames Durchlesen die fehlenden Buchstaben finden. Wochenlang wurde nur Groß- und Kleinschreibung geübt. Dann kamen die Verdopplungen, dann die Dehnungen, dann F und V. (Von den verflixten für und vor allein haben wir eine ganzes Heft vollgeschrieben). Immer und immer wieder wurde alles nochmals und nochmals wiederholt. Nie verlor Frl. Oppitz die Geduld, nie wurde sie zornig. Manchmal, wenn es gar nicht klappen wollte, hörte ich sie aus dem Nebenzimmer etwas öfter als sonst mit dem Ende ihres Bleistiftes auf den Tisch klopfen. Ich habe sie schon recht nachdenklich gesehen, aber in all den Jahren, in denen sie mit meinen Kindern gearbeitet hat, verlor sie nie den Mut weiterzukämpfen.
Dieser Wille übertrug sich auf Tina, jetzt wollte sie es schaffen. Langsam ganz langsam kamen die ersten Erfolge. Die Arbeiten wurden besser, immer wieder gab es Rückschläge, waren schlechte Ansagen dabei, aber wie über eine lange und steile Treppe begann Tina aufwärts zu klettern und als das Schuljahr zu Ende ging, sprach niemand mehr davon, daß Tina nicht versetzt werden sollte. Ja, in ihrem Zeugnis stand ,,Unterrichtssprache - befriedigend" eine Zensur, von der wie nie zu träumen gewagt hätten.

INHALT


Startseite
Der legasthene Mensch
Autogenes Training
Den Lernschwierigkeiten vorbeugen
Interpädagogica
USA: Interview mit Dr. Bernstein
Leserbriefe
Knopf im Kopf- Hilfe meine Kinder haben Legasthenie
Rechtschreibreform- Keine Erleichterung für Legastheniker