Rechtschreibreform:
Keine Erleichterung für Legastheniker

Die vieldiskutierte Rechtschreibreform bringt Legasthenikern keine spürbare Erleichterung. Dies ergibt sich aus Berichten und Erfahrungen von Eltern der betroftenen Kinder. Danach leistet die Reform nicht einmal ansatzweise einen Beitrag, den hohen Prozentsatz an Legasthenikern in den Volksschulen (zwischen 10-20%) zu senken, d.h. die Zahl jener meist begabten, unglücklichen Kinder zu verringern, die in unzähligen Stunden gewaltige Potentiale an Lernenergie allein in das Erlernen des Rechtschreibens investieren, ohne jemals besonders erfolgreich zu sein.

Mehrheitlich erkennen die befragten Eltern wenig Sinn an der Reform, da sie das Erlernen der Rechtschreibung nicht spürbar erleichtert und die Lernprobleme ihrer Kinder nicht verringert. Enttäuscht stellen sie fest, daß sich die Reformer nur wenig an den primären Reformadressaten - den lernenden Kindern - orientiert haben. Das neue Regelwerk scheint nur in wenigen Randbereichen vom Ballast überflüssiger, unlogischer und komplizierter Regeln befreit.

Der Tiroler Landesverband Legasthenie bemängelt das Ausbleiben eines positiven Effekts der Reform auf die Lernprozesse der Kinder. Da sie zu keiner spürbaren Verringerung der Fehleranzahl beiträgt, werden weiterhin und unverändert Rechtschreibfehler in der schulischen Benotungs- und Selektionspraxis einen einseitig -überhöhten Stellenwert haben.
In der schulischen Praxis führt dies erfahrungsgemäß häufig dazu, Legastheniker im Fach Deutsch allein wegen ihrer Fehler negativ zu bewerten und dies selbst dann, wenn ihre Texte inhaltlich, stilistisch sowie grammatikalisch einwandfrei sind. Nur weil sie ein paar Fehler mehr machen als ihre Mitschüler, bleiben diese Kinder oft von weiterführenden Schulen und Bildungswegen ausgeschlossen. Der Landesverband betrachtet die Rechtschreib-erziehung als eine der zentralen Aufgaben der Volksschule, regt jedoch angesichts der wenig zielführenden Reform an, die Rechtschreibdiskussion weiterzuführen: Bei aller Wichtigkeit orthographisch richtigen Schreibens müssen die Wertigkeiten in der schulischen Deutschbeurteilung überdacht werden. Inhaltlich dürre, aus Angst vor Rechtschreibfehlern aber jeglicher sprachlichen Kreativität entbehrende, fehlerlos -schön geschriebene Aufsätzchen sollten nicht weiterhin Qualitätsmerkmal einer falsch verstandenen Spracherziehung und Basis der Schülerbeurteilung bleiben.

Der überhöhte Stellenwert einseitiger Rechtschreiberziehung darf nicht schon in der Volksschule den schriftsprachlichen Ausdruck und den Gestaltungsmut der Kinder zum Versiegen bringen oder begabten Kindern weiterführende Bildungswege versperren.

Dr. Zangerle Tirol

INHALT


Startseite
Der legasthene Mensch
Autogenes Training
Den Lernschwierigkeiten vorbeugen
Interpädagogica
USA: Interview mit Dr. Bernstein
Leserbriefe
Knopf im Kopf- Hilfe meine Kinder haben Legasthenie
Rechtschreibreform- Keine Erleichterung für Legastheniker