Leserbriefe

Obwohl ich der Lehrerin meines Sohnes einen Befund vom Schulpsychologen gebracht habe, der besagt, dass mein Sohn eine Legasthenie hat, behauptet sie noch immer, dass dies nicht stimme. Ich bin sehr verzweifelt, da meinem Sohn ständig in der Schule vorgeworfen wird zu wenig zu üben. Er hat schon tatsächlich immer weniger Lust, für die Schule zu arbeiten, was ich aber ehrlich gesagt auch verstehe. Ich versuche zwar, ihn irgendwie aufzubauen, indem ich ihn immer wieder für verschiedene Leistungen übergebührlich lobe. Doch schön langsam habe ich das Gefühl, dass er mir nicht mehr glaubt. Erst letztens hat er gesagt, dass er ja eh kein vollwertiger Mensch ist.
> So ähnliche Schilderungen, wie sie die Situation ihres Sohnes beschreiben, habe ich schon oftmals von Eltern gehört. Leider wird nicht immer die ernste Situation, in die ein Kind gerät - das vorerst nur unter einer sogenannten Primärlegasthenie leidet - von der Schule erkannt. Von einer Primärlegasthenie spricht man, wenn das legasthene Kind, außer seiner Legasthenie, keine anderen seelischen, geistigen oder körperlichen Defizite aufweist. Diese Form der Legasthenie ist auch unter günstigen Umständen, d.h. Verständnis von Eltern, Lehrern und individueller Förderung, unproblematisch in den Griff zu bekommen. Ihr Sohn befindet sich aber schon auf dem Weg zu einer Sekundärlegasthenie. Diese Form steht immer mit einer der oben genannten Defizite in Zusammenhang. Ihr Sohn zeigt erste Anzeichen von Schulunlust. Sie sollten dringendst versuchen, seine Lehrerin dazu zu bewegen, die Persönlichkeitsmerkmale ihres Sohnes zu verstehen. Wichtig ist aber auch eine gezielte Förderung; wenn in der Schule keine Aussicht darauf besteht, dann durch eine Fachkraft!

In diesem Schuljahr wird sich für mein legasthenes Kind entscheiden, ob es ein Gymnasium besuchen kann. Nun habe ich Kontakt mit verschiedenen Schulen aufgenommen. Der Direktor einer Schule sagte mir, dass großer Wert auf die Arbeitshaltung bei legasthenen Kindern gelegt, und weniger Bedacht auf die Noten genommen werde. Er wünsche sich eine Aussage der Lehrerin meines Sohnes darüber. Die Lehrerin, befragt über die Arbeitshaltung, sagte sofort, die sei sehrgut bis gut. Leider hat sie aber abgelehnt sich darüber schriftlich zu äußern. Jetzt bin ich ziemlich ratlos.
> Bitten sie die Lehrerin doch sich telefonisch mit dem Direktor in Verbindung zu setzen. Eine schriftliche Äußerung der Lehrerin wäre schulrechtlich sowieso von keiner Relevanz. Über die Möglichkeit ein Gymnasium zu besuchen entscheiden tatsächlich nur Noten. Unabhängig davon möchte sich der Direktor offensichtlich ein Bild über ihr Kind machen. Denn nur ein gut motiviertes legasthenes Kind kann in einem Gymnasium auf Dauer bestehen.

Ich arbeite nun seit einiger Zeit als diplomierter Legasthenietrainer. Die Arbeit macht mir sehr sehr viel Spaß. Besonders die Erfolge und Fortschritte der Kinder, die mir anvertraut wurden, beflügeln mich. Trotzdem beobachte ich leider mit Schrecken, dass es manchen Eltern absolut an der Bereitschaft fehlt, ihre Kinder noch zusätzlich zu unterstützen. Die Mehrzahl der Eltern kann man schon davon überzeugen, dass man eine Legasthenie zwar in den Griff bekommen kann, dass jedoch neben dem Lehrer in der Schule und dem Legasthenietrainer auch die Arbeit der Eltern an der Problematik sehr viel Wert und unumgänglich ist. Was mache ich aber mit denen, die dies nicht verstehen?
> Grundsätzlich ist das Zusammenwirken von Kind, Eltern, Lehrer in der Schule und Legasthenietrainer eine Voraussetzung für den Erfolg! Ist diese Voraussetzung nicht oder nur zum Teil gegeben, so muss man sich als Trainer schon überlegen, ob man die Verantwortung auch für den Teil der Eltern oder den Teil des Lehrers übernehmen kann. Der Legasthenietrainer muss unter Umständen ein Training ablehnen, das keine Unterstützung erfährt.

Mein Sohn soll sich in einer Kinderklinik einem Test unterziehen, da der Verdacht nahe liegt, er könnte legasthen sein. Die Untersuchung wird mehrere Tage dauern. Ich habe immer wieder gehört, dass Legasthenie keine Krankheit ist. Warum sind dann so umfassende Untersuchungen notwendig?
> Leider haben sie keine näheren Angaben darüber gemacht, welche Symptomatik ihr Sohn zeigt und welche Verdachtsmomente sich ergeben haben, dass man eine Legasthenie vermutet. Kinder werden meist auffällig, weil sie das Schreiben, Lesen oder Rechnen nicht in der gleichen Art und Weise erlernen, wie die Klassenkameraden. Natürlich bestehen unzählige Möglichkeiten, warum dies so ist. Legasthenie ist  nur eine davon. Deshalb ist eine genaue Abklärung notwendig, um auch gezielt Fördermaßnahmen treffen zu können. Dies kann und sollte als erstes im pädagogischen Bereich passieren. Klinische Untersuchungen sind nur dann zu rechtfertigen, wenn sich psychosomatische oder psychopathologische Erscheinungsformen zeigen oder auch physische Defizite, wie etwa Hör- oder Sehprobleme, sich also weitere Verdachtsmomente beim Kind ergeben.

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