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Von Hedwig Spies München - Die neuen Regeln der Rechtschreibung führen zu einer Flut von Rechtschreibfehlern: Es dauert, bis die neue Schreibweise vertraut ist. Doch für bis zu sieben Prozent der Schulkinder ist die richtige Schreibweise ein Buch mit sieben Siegeln: Sie sind Legastheniker. Ihre Schreib- und Leseschwäche ist zumeist angeboren. Ihnen hilft das bayerische Kultusministerium jetzt mit einem in Deutschland einzigartigen Förderprogramm. Voraussetzung ist, dass ein Kinderfacharzt gemeinsam mit einem Schulpsychologen die Diagnose stellt. Dann dürfen nach den neuen Richtlinien Rechtschreibfehler in den Aufsätzen von Legasthenikern nicht mehr bewertet werden. Zudem soll die Rechtschreibung in keinem Fach mehr bei der Note berücksichtigt werden. Dafür sollen ihre mündlichen Leistungen stärker beachtet werden. Legastheniker erhalten beim Schreiben bis zu 50 Prozent mehr Zeit, sie dürfen vermehrt Aufgaben an der Tafel mündlich lösen und werden beim Vorlesen unterstützt. Nach Angaben des Kultusministeriums werden an den bayerischen Grundschulen künftig 41 096 Schüler (7,6 Prozent) und an den Hauptschulen 8050 (2,5) Prozent gefördert. Dafür sind 200 volle Lehrerplanstellen und 71 Planstellen für Förderlehrer reserviert. Auch an den Kindergärten wird auf Initiative des Sozialministeriums die Sprachförderung intensiviert. Daneben werden Schüler mit einer vorübergehenden Lese- und Schreibschwäche bis zum Abschluss der 10. Jahrgangsstufe speziell unterstützt. Legasthenie tritt in vielfältiger Form auf. "Die Diagnose ist nicht einfach", sagt der Würzburger Humangenetiker Professor Timo Grimm. Er selbst bezeichnet sich als Legastheniker, drei seiner sechs Kinder sind ebenfalls davon betroffen. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung entsteht die Störung während der Schwangerschaft dadurch, dass die linke Hirnhälfte in ihrer Entwicklung zurückbleibt. Zum Ausgleich entwickelt sich der rechte Teil des Gehirns dagegen kräftiger, weshalb Legastheniker häufig durch besondere mathematische und musische Begabungen auffallen. Der Landesverband Legasthenie ist erfreut über die Pionierleistung von Kultusministerin Monika Hohlmeier. "Dank dieser Richtlinie", so Christine Sczygiel, "können legasthene Schüler nun die Schullaufbahn wählen, die ihrem Intellekt angemessen ist." Nun müsste auch die Aus- und Weiterbildung der Lehrer verbessert werden. Professor Grimm befürchtet nicht, dass die Erleichterungen während der Schulzeit den weiteren Bildungs- und Berufsweg negativ beeinträchtigen. Der Wissenschaftler, von dem einer der legasthenen Söhne Medizin studiert: "Die Förderung soll ja mithelfen, mit der Behinderung leichter zurecht zu kommen. Zudem können sich Legastheniker bei Schwierigkeiten an der Universität an den Behindertenbeauftragten wenden." Der Legastheniker-Verband peilt nun eine Richtlinie an, durch die auch Kinder mit Rechenschwäche (Dyskalkulie) gefördert werden.
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