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Es war zu Mittag an einem Donnerstag im Herbst. Die Tür flog auf, Christine kam gerade von der Schule nach Hause. "In diese sch… Schule geh ich nicht mehr" schrie sie mir entgegen "nie wieder!". Ihr Gesicht war voller Wut und Verzweiflung. Tränen füllten ihre Augen. Wie ein weidwundes Tier stand sie vor mir. Stockend berichtete sie über den ersten Aufsatz, den sie heute zurück bekommen hatte, und wie sie die anderen Kinder ausgelacht und verspottet haben: "Du bist ja blöd, du kannst ja nicht einmal schreiben." … Was sollte ich ihr sagen? Sollte ich ihr zum - ich weiß nicht wievielten Male - sagen, dass dies nicht stimmt. Dass sie mit einem IQ von 142 nicht blöd sein kann. Dass wir dies schwarz auf weiß hätten. Und dass überhaupt die anderen … - Ich hasste diese Hilflosigkeit. Über drei Jahre kämpften wir nun schon mit ihr um das schulische Überleben. Es war wie der berühmte Kampf gegen die Windmühlen. "Strafverschärfung" gab es für Christine noch in der Gestalt der zweieiigen Zwillingsschwester, ebenfalls sehr gut begabt aber ohne das Handicap der Legasthenie. Bisher war Christine eine Kämpferin gewesen. Eine richtige Löwin, wie aus dem Astrologie-Lehrbuch. Trotzdem mussten wir mitansehen wie ihr Selbstwertgefühl immer weniger wurde. Wie sie zu kompensieren begann. Wie diese verd… Legasthenie die Entwicklung ihrer Persönlichkeit einengte und ihr immer mehr die Freude am Leben nahm. An diesem Tag war ihre Verzweiflung besonders groß. Sie empfand ihre Situation als so ausweglos, ohne jegliche Hoffnung: Wenn sie schon unbedingt in die Schule gehen müsse, bliebe sie halt 5 Jahre in der 4. Klasse und würde anschließend Klofrau. … Ihre Verzweiflung gipfelte schließlich in den Worten:"Papa, ich will nicht mehr leben!". … Nun, dieser Tag liegt jetzt schon über 7 Jahre zurück - eine Zeit mit vielen Hochs und Tiefs. Christine hat inzwischen ihre Schulpflicht in der Mittelschule (Schulversuch Mittelschule = ein Mittelding zwischen Hauptschule und AHS) mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen. Die letzten eineinhalb Jahre ist sie auf der Suche nach der für sie passenden Berufsausbildung. Bisher ein Weg mit unterschiedlichen Stationen - aber Christine und wir sind zuversichtlich, dass sie auch dies gut bewältigen wird. Rückschauend würden wir heute einiges anders machen. Zu den Erfahrungen ist inzwischen natürlich auch neues Wissen gekommen - auch solches, das damals noch gar nicht verfügbar war. Die Quintessenz haben wir für Interessierte in 7 Punkten zusammengefaßt:
o Achten Sie auf Ihren Focus: Begreifen Sie die Legasthenie nicht als Handicap sondern als eine Begabung die Welt auf eine andere Weise wahrzunehmen. Eine Begabung, die schon etliche Genies hervorgebracht hat. Seien Sie stolz auf Ihr Kind und zeigen Sie es ihm!
o Nehmen Sie die Herausforderung an: Ersetzen Sie die Frage "Hergott was habe ich verbrochen, dass du mich so strafst?" durch die Frage "Warum habe ich diese Aufgabe bekommen? Wie kann ich sie erfüllen? Was kann ich daraus lernen?". Beschäftigen Sie sich mit der Thematik und ihr Leben wird bereichert werden.
o Wecken Sie Verständnis: Zuerst bei Ihrem Kind - Verstehen macht frei. Nur wenn ihr Kind sein Sosein annehmen kann, wird es damit auch umgehen können. Dann in der Umwelt, allen voran in der Schule. Die Klasse ist der öffentliche Schauplatz - hier erfährt ihr Kind die tägliche Demütigung oder Ermutigung.
o Sorgen Sie für Schubumkehr: Die meisten Legastheniker befinden sich in einer Negativspirale: Misserfolg ? geschwächtes Selbstvertrauen ? Angst vor der nächsten Arbeit ? Motivationsmangel ? schlechte Vorbereitung ? Angst während der Arbeit ? Misserfolg. Diese Spirale muss gestoppt und in eine Positivspirale verwandelt werden: Meiden Sie jede negative Kritik. Zählen Sie nicht die Fehler sondern die Pluspunkte. Lenken Sie die Aufmerksamkeit des Kindes auf den Fortschritt und sei er noch so klein. Ermutigen Sie Ihr Kind zu einem positiven Selbstgespräch (z.B. out: "Ich bin so blöd, das schaff ich nie" in: "Jetzt habe ich mich geirrt. Das nächste Mal mache ich es besser"). Lernen Sie ihm die "Zauberformel": "Ich mag mich!" (jeden Tag mehrmals zu sich selbst laut sagen). Halten Sie am Abend eine Tagesrückschau mit Ihrem Kind: Was ist mir heute gelungen? Was hat mich heute gefreut? Ergreifen Sie jede Gelegenheit das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu stärken. Suchen Sie gezielt nach Möglichkeiten, ihrem Kind zu Erfolgserlebnissen zu verhelfen.
o Engagieren Sie Spezialisten: Ein guter Legasthenietrainer kann an Hand einer Förderdiagnose die differenzierte Wahrnehmung ihres Kindes ermitteln, daraus einen speziellen Trainingsplan erstellen und diesen an Hand der Erfolgskontrolle laufend adaptieren. Achten Sie bei der Auswahl darauf, dass die "Chemie stimmt" und ihr Kind sich persönlich angenommen und emotional unterstützt fühlt. Eine Trainingsstunde sollte wie Auftanken sein.
o Bleiben Sie "im Spiel" - auch wenn es manchmal schwer fällt. Ihre Unterstützung und Zuwendung kann kein Trainer ersetzen. Sie sind der "Spielmacher" und der "Verbinder" zwischen Kind - Lehrer - Trainer. Holen Sie sich Instruktionen was, wie, wieviel und warum Sie diese konkreten Übungen mit Ihrem Kind zu Hause durchführen sollen. Bei Problemen in der Schule bitten Sie Ihren Legasthenietrainer um Unterstützung - oft können Außenstehende mehr erreichen.
o Achten Sie auf die Ernährung: Legastheniker stehen oft unter Dauerstress. Stress ist der größte Vitaminräuber! Unsere Lebensmittel werden dagegen nachweislich an Nährstoffen immer ärmer. Dieses Loch lässt sich nur mehr mit Nahrungsergänzungsmitteln füllen (diese sollten jedoch aus rein pflanzlichen Grundstoffen bestehen). Wir haben dabei schon manchmal "kleine Wunder" erlebt als sich dadurch nicht nur die Leistung sondern oft auch das Verhalten geändert hat.
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